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Byzantion
  • Byzantion
  • Münze
  • ca. 212-217 n. Chr.
  • Land: Türkei (Land)
    Region: Thrakien (Region)
    Münzstätte/Ausgabeort: Byzantion
  • Material: Bronze, Stempelstellung: 12, Herstellungsart: geprägt
  • Gewicht: 12,75 g
    Durchmesser: 30 mm
  • Ident.Nr. 18216365
  • Sammlung: Münzkabinett | Antike | Griechen, Römische Kaiserzeit (-30 bis 283)
  • © Foto: Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Lutz-Jürgen Lübke (Lübke und Wiedemann)
Description
Vorderseite: ANTΩNINOC - AVΓOVCTOC. Drapierte Büste des Caracalla mit Lorbeerkranz in der Brustansicht nach r.

Rückseite: EΠ AI ΠONΤIK-O-V BVZAN//TIΩN [NT ligiert]. Roma sitzt auf einem Waffenhaufen nach l. Sie hält in der l. Hand eine Lanze und in der Hand das Palladion.

Kommentar: Unikum? Roma ist die weibliche Personifikation der Stadt Rom, die auch als Göttin verehrt wurde. Ihre lkonographie zeigt unterschiedliche Varianten, die sich an Bilder der Athena und der Amazonen anlehnen. Häufig ist sie nur durch die Münzlegende, den Handlungszusammenhang (etwa wenn sie einem Kaiser einen Gegenstand überreicht) oder die Kombination der Attribute eindeutig identifizierbar. Auf der Münze aus Byzantion trägt die Göttin Fellstiefel und einen kurzen, gegürteten Chiton, der die Knie unbedeckt lässt. Mit dieser Kleidung lässt sie sich der Gruppe der amazonenhaften Typen zuordnen. Weitere Attribute sind der Helm und der Waffenhaufen, der aus einem Panzer, einem Schild und einem weiteren unkenntlichen Gegenstand besteht. Das Palladion in der rechten Hand ist durch die Elemente Helm, Lanze und Schild, der den Körper verdeckt, identifizierbar. Es stellt das uralte, aus dem Himmel gefallene Kultbild der Pallas Athene dar, das Aeneas nach römischem Mythos aus dem brennenden Troja rettete und nach Lavinium brachte. Die Münze gehört zur Emission des Aelius Ponticus. Dieser gab Münzen in drei Nominalklassen aus, unter denen die Roma-Münze zur mittleren mit einem Durchmesser von 29 mm gehört. Ein Gesamtprogramm für die Emission lässt sich nicht erkennen. Die kleinen Nominale bestehen aus der in Byzantion gebräuchlichen Scheidemünze, die auf der Rückseite zwei Thunfische und einen Delphin zeigen. Andere Darstellungen verweisen mit Demeter und Artemis auf zwei wichtige Götter der Stadt, außerdem gibt es eine Nike und eine Darstellung, die sich auf die Spiele für Caracalla, die Antoninia Sebasta, beziehen. Für den Vorderseitenstempel der Münze konnte E. Schönert-Geiß fünf Exemplare nachweisen. Caracalla ist bereits Augustus, so dass die Münze zwischen 197 und 217 n. Chr. zu datieren ist. Die Rückseite paßt stilistisch in die Reihe der Rückseitenstempel der Emission, die von einer Hand geschnitten worden sein dürften. Die Ligatur NT in ПONTIKOV findet sich auch auf anderen Rückseitentypen der Emission. In welcher Situation der Stadt wurde die Münze ausgegeben? Byzantion war Ende 195 von Septimius Severus erobert und geplündert worden, weil sie Pescennius Niger gegen Septimius Severus unterstützt hatte. Sie verlor ihre Freiheit und viele Bürger wurden versklavt. Das Stadtgebiet schlug Septimius Severus Perinth zu. Dieser Zustand war jedoch nur von kurzer Dauer. Nach der Besiegung des Clodius Albinus und der militärischen Sicherung seiner Herrschaft unternahm Septimius Severus seit 197 n. Chr. Anstrengungen zur Entschärfung möglicher Unruheherde im Römischen Reich. Da Byzantions strategische Bedeutung am Bosporus auch nach der Zerstörung erhalten blieb, schien es ratsam, die Bevölkerung der Stadt wieder mit dem Kaiserhaus zu versöhnen. Diese Aufgabe überließ der Kaiser seinem Sohn Caracalla. Nach 202 n. Chr. erhielt die Stadt auf Anregung des Caracalla, wie es hieß, den alten Status als „civitas libera“ wieder zurück. Septimius Severus und Caracalla veranlassten umfangreiche Wiederaufbauarbeiten, die die kommunale Infrastruktur und die Wirtschaftskraft stärken sollten. Die niedergerissenen Mauern wurden wieder aufgerichtet und die alten Heiligtümer renoviert. Das Stadtgebiet wurde sogar noch um ein weiteres Stadtviertel nach Süden hin erweitert. Zur Steigerung der Akzeptanz des neuen Viertels stiftete die Herrscherfamilie neben einer Säulenstraße auch die Zeuxippos-Thermen und ein Hippodrom. Aus Dankbarkeit für die Hilfen soll sich die Stadt schon in der Regierungszeit des Septimius Severus nach Caracalla als „Antonius-Stadt“ bezeichnet haben. Der Titel ist jedoch auf Münzen oder in Inschriften nicht belegt. Sicherer Hinweis auf die Dankbarkeit der Bewohner von Byzantion ist die Einrichtung von Spielen zu Ehren Caracallas. Einige Münzbilder weisen auf die Antoninia Sebasta hin, die frühesten stammen aus der Zeit zwischen 209 und 212 n. Chr. Durch die Austragung der Spiele und ihre Propagierung auf den Münzen wurde die Erinnerung an die Leistungen Caracallas für die Stadt aufrechterhalten. Der neue Münztyp ist m. E. ebenfalls eine Huldigung für Caracalla als Wiedererneuerer der Stadt. Diese These basiert auf folgenden Überlegungen: Der Münztyp ist ohne Parallele in der Münzprägung Byzantions. Die Münze greift keine in der Stadt bekannten Bildthemen auf oder bezieht sich auf einen altüberlieferten Kult für eine Gottheit. Auch aus den anderen kleinasiatischen Städten ist mir kein vergleichbarer Münztyp bekannt, der als Anregung gedient haben könnte. Die nächste Parallele zu dem Münzbild findet sich in der Reichsprägung. Als früheste kaiserzeitliche Münzdarstellung der Roma mit dem Palladion wird ein unter Titus geprägtes Münzbild bezeichnet. Die Darstellung ist jedoch undeutlich und bleibt einzigartig. Unter Hadrian wird erstmals die Roma Aeterna in der Weise wiedergegeben, in der sie für die Reichsprägung Gültigkeit gewinnt. Es ist die linkshin sitzende behelmte Göttin in einem langen Gewand, die in der linken Hand einen Speer und mit der rechten Hand das Palladion hält. Variationen ergeben sich aus der Sitzgelegenheit, die aus einfachem Hocker, Thron oder Waffenhaufen bestehen kann. Auch die Armhaltung und das Aussehen des Schildes oder Speeres können voneinander abweichen. Die Verbindung des Palladions mit Roma erhebt, ähnlich wie bei Vesta, für die dieses Attribut schon lange zuvor mit der gleichen Bedeutung versehen war, den Anspruch, das bereits uralte Rom werde ewig bestehen. Die Legende „ROMA AETERNA“, die vielen dieser Bildtypen beigefügt ist, nennt das entsprechende Schlagwort. Bis in severische Zeit behält die Roma mit dem Palladion ausschließlich diese Bedeutung. Unter Septimius Severus wird der Roma mit dem Palladion jedoch eine weitere Bedeutung zugeordnet, die sich aus der Legende „Restitutor Urbis“ ergibt. 191 v. Chr. hatte ein Brand große Teile Rom‘s zerstört. Deshalb trat Septimius Severus weniger als Bauherr neuer Monumente hervor, sondern er bezahlte viele notwendige Restaurierungsarbeiten. Septimius Severus war bemüht, sich Senat und Volk von Rom als ein Regent zu präsentieren, der in der alten Tradition des Princeps einen alten als ideal angesehenen Zustand der Stadt wieder herstellte. Das Schlagwort „Restituor Urbis“ wurde durch die intensive Propagierung zum individuellen Kennzeichen des Severers. Auch das Bild der Roma wurde mit dem Herrscher unmittelbar verknüpft, der durch seine Anstrengungen für die Wiederherstellung der Stadt die Voraussetzungen für das ewige Bestehen Roms schaffte. Beide Aspekte werden auf den Münzen der Roma mit dem Palladion unter Septimius Severus genannt. Auch Münzen mit dem Porträt Caracallas zeigen Roma mit dem Palladion und tragen die Legende „Restitutor urbis“. Es passt zur Nachfolgepolitik des Septimius Severus, dass er seinen Sohn mit positiven Merkmalen versehen ließ, wenn diese nicht unmittelbar die Machtausübung des regierenden Kaisers berührten. Den Prägeverantwortlichen von Byzantion muss das Bild der Roma mit dem Palladion mit seinem unter Septimius Severus gewonnenen neuen Bedeutungszuwachs geeignet erschienen sein, um Dankbarkeit für Caracalla auszudrücken, dessen Einsatz für den Wiederaufbau der Stadt jedermann vor Augen stand. Für sie war Caracalla der „Restitutor Urbis“ von Byzantion. Der neue Münztyp von Byzantion ist m. E. ein gutes Beispiel für die Adaption der lkonographie der Reichsprägungen, die inhaltlich den speziellen Bedürfnissen der griechischen Kommune angepaßt wurde.

Literatur: B. Weisser, Roma mit dem Palladion. Caracalla als 'Restitutor Urbis' von Byzantion, in: U. Peter (Hrsg.), stephanos nomismatikos. Edith Schönert-Geiss zum 65. Geburtstag (1998) 649 ff. 658 Abb. 1 (dieses Stück). Vgl. E. Schönert-Geiss, Die Münzprägung von Byzantion II (1972) 79 f.Nr. 1564-1573 Taf. 85-86 (andere Rs., diesselbe Emission).

Weitere Informationen zum Objekt finden Sie hier: https://ikmk.smb.museum/object?id=18216365


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