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Graber, Maya: Kairos
  • Graber, Maya: Kairos
  • Medaille
  • 2015
  • Land: Deutschland (Land)
  • Material: Bismut (Wismut), Herstellungsart: gegossen
  • Gewicht: 390 g
    Durchmesser: 82 x 122 mm
  • Ident.Nr. 18248395
  • Sammlung: Münzkabinett | Medaillen | 20. Jh. bis heute (1900 bis heute)
  • © Foto: Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Fotograf/in: Reinhard Saczewski
Description
Vorderseite: AUS - DEN - WOLKEN MUSS ES / FALL-EN AUS DER GÖTTER / SCHOSS DAS / GLÜCK. Aus einem Füllhorn springt ein Flügellöwe in die Höhe. Goldfarben abgesetzte Funken über der gesamten Darstellung.

Rückseite: UND DER MÄCHTIGSTE - VON ALLEN / HERRS-CHERN / IST DER / AUGEN/BLICK. Das Füllhorn saugt den Löwen über einen Strudel in sich hinein. Rote Blitze über der gesamten Darstellung. Signatur und Jahreszahl 15 unten links.

Kommentar: Beitrag zur Ausstellung und Medaillenedition Kunst prägt Geld: MUSE MACHT MONETEN. - Maya Graber liefert für die Edition einen Beitrag, der als Medaille, aber auch als zweiseitiges Kleinrelief bezeichnet werden kann. Die Grenzen zwischen den Gattungen sind fließend und hier schon durch die unregelmäßige Form bewusst aufgebrochen. Durch den fast gleichwertigen Gebrauch von Bild und Text ist das Stück jedoch ganz deutlich innerhalb der Medaillenkunst verankert. Das Bestreben, eine Medaille zu schaffen, die mit Tradition und Konvention spielt, ist dabei in dem von Graber verwendeten Material Bismut und den farblichen Absetzungen erkennbar. So wenig geläufig Bismut innerhalb der numismatischen Welt der Münzen und Medaillen ist, so heimisch ist es in Süddeutschland und der Schweiz, wo seit dem 16. Jahrhundert die B(W)ismutmalerei ihr Zuhause hat. Eine traditionelle Technik wird also auf das Medium der Medaille übertragen und gibt ihr einen aus Sicht der Numismatiker innovativen, aus Sicht der Schweizer Künstlerin hingegen traditionellen Anstrich. Die gleichmäßig auf Vorder- und Rückseite der Medaille verteilten Zeilen entstammen dem Gedicht 'Die Gunst des Augenblicks' von Friedrich Schiller. Schiller stellt in diesem Gedicht die fiktive Situation her, spontan ein Lied vortragen zu wollen, und fragt nach einem geeigneten Adressaten. Er entscheidet sich gegen heidnische Götter wie Ceres oder Bacchus, obgleich diese mit ihren irdischen Gaben Korn und Wein die Menschen erfreuen. Seine Wahl fällt auf eine metaphysische Gewalt: den 'rechten Augenblick', eine Macht, die schon die antiken Griechen als 'Kairos' verehrten. Für Schiller ist es jene Wirkkraft, die nach dem himmlischen Funken und dem gottgegebenen Glück dem Poeten zur Freude verhilft: Sie ist die Inspiration, die die Genese eines besonders gelungenen Gedichtes ermöglicht. Diesen Augenblick oder Lichtgedanken – heute würde man von einem Geistesblitz sprechen - gilt es sofort zu erfassen, wenn er sich offenbart, denn er ist schnelllebig und flüchtig. Was Schiller hier beschreibt und die Schweizer Künstlerin Maya Graber dem Gedicht folgend bildnerisch umsetzt, ist das Spannungsverhältnis zwischen dem Glücksmoment eines Geistesblitzes und dem Verlustgefühl angesichts seiner Vergänglichkeit. Die Vorderseite der Medaille zeigt ein nach rechts geöffnetes Füllhorn, dessen Ränder mit den Zeilen 'Aus den Wolken muss es fallen, / aus der Götter Schoß das Glück' verziert sind. Rechts ist ein geflügelter Löwe im Begriff, sich wohlgemut in die Lüfte zu begeben. Goldene herzförmige Flammen deuten die kostbaren Geistesblitze an, die wie Götterfunken aus dem Himmel herunterfallen, während sich der glückvolle Geist, verkörpert durch den Flügellöwen, erhebt. Die Inspiration ist eine Gabe, ein Geschenk, das gleichsam aus einem göttlichen Füllhorn ausgeschüttet wird und einem Künstler in den Schoß fällt. Der Löwensprung verbildlicht den schöpferischen Rauschmoment, der sich mit hohem Tempo vollzieht, und in dem - immer dem Gedicht Schillers folgend – die von kosmischer Kraft durchzogene Poesie eines Genies entsteht. Dreht man die Medaille, erlebt man buchstäblich die Kehrseite dieses Moments. Ergänzend zu den Zeilen 'Und der mächtigste von allen / Herrschern ist der Augenblick' erkennt man das Raubtier gefangen in einem Strudel, der in Begriff ist, ihn in die Tiefe des Füllhorns zurückzuziehen. Dieser geistige Fall in die Tiefe komplementiert antithetisch den auf der Vorderseite gezeigten geistigen Höhenflug. Alle Viere von sich gestreckt, die Augen zu ausdruckslosen Schlitzen verengt und hilflos mit seiner Unterseite zum Betrachter gewandt, ist der einst so autarke und energievolle Löwe seiner Flügel beraubt. Die goldenen Lichtfunken haben sich zu roten, spitzen und damit schmerzvollen Blitzen oder Pfeilen gewandelt. Hier wird klar: Wenn der günstige Augenblick kommt, ist er ein Geschenk; ebenso schnell kann er jedoch auch vergehen, und zurück bleibt tiefe Leere und Dunkelheit, ähnlich wie Schiller in der 9. Strophe erklärt: 'So ist jede schöne Gabe / flüchtig wie des Blitzes Schein, / schnell in ihrem düstern Grabe / schließt die Nacht sie wieder ein.' Die zweiseitige Medaillendarstellung Grabers thematisiert damit die Licht- und Schattenseiten des Themas Muse. Woher stammt die Inspiration eines Künstlers und einer Künstlerin, wer oder was 'macht' diese Muse? Möglicherweise indirekt deutet die Medailleurin an, dass es äußere Faktoren sein können, welche der Muse abträglich sind und eine künstlerische Eingebung sogar wieder im Keim ersticken können. Welche Faktoren dies sein können, bleibt durchaus offen. Gleichwohl liegt es nahe, mit dem Titel der Edition an Macht und Moneten, also an die Korruption der Kunst durch das Geld, zu denken.

Literatur: A. Küter - B. Weisser, Kunst prägt Geld: MUSE MACHT MONETEN. Das Kabinett 16 (2016) 205-207 Nr. C 9 mit Abb. (dieses Stück).

Weitere Informationen zum Objekt finden Sie hier: http://ikmk.smb.museum/object?id=18248395


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